Österreichische Zeitschrift für Geschichtswissenschaften
12/2001/2:
Klima Geschichten
Sequenz: ÖZG -
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Christian
Pfister
Klimawandel in der Geschichte Europas. Zur
Entwicklung und zum Potenzial der Historischen Klimatologie, ÖZG 12/2001/2, 11-33. [Abstract]
Rudolf Brázdil,
Hubert Valásek, Jürg Luterbacher, Jarmila Macková
Die Hungerjahre 1770-1772 in
den böhmischen Ländern. Verlauf, meteorologische Ursachen und Auswirkungen, ÖZG 12/2001/2, 34-76. [Abstract]
Erich Landsteiner
Trübselige Zeit? Auf der Suche nach den
wirtschaftlichen und sozialen Dimensionen des Klimawandels im späten 16.
Jahrhundert, ÖZG
12/2001/2, 77-106. [Abstract]
Immanuel
Wallerstein, Andrea Komlosy, Erich Landsteiner
Urs
Dietrich
EuroClimHist als Werkzeug des Historikers, ÖZG 12/2001/2, 34-76.
Gerhard Altmann
Vier Weltgeschichten des 20. Jahrhunderts, ÖZG 12/2001/2, 34-76.
Das Wetter ist in
die Schlagzeilen geraten. Kaum ein Monat vergeht ohne Nachrichten über
Witterungsereignisse mit tragischen Konsequenzen für die in den betroffenen
Gegenden lebenden Menschen. Dürrekatastrophen und Überschwemmungen sind nicht
mehr auf die sensiblen ökologischen Zonen der Erde beschränkt. In
Nordfrankreich stehen ganze Landstriche monatelang unter Wasser, während in
Mitteleuropa der Niederschlagsmangel die Getreideernten vernichtet. Stehen wir
am Beginn einer Klimaänderung? Hat sie schon begonnen? Ist sie anthropogen
verursacht oder der gesellschaftlichen und politischen Einflußnahme gänzlich
entzogen? Der "Kampf um die Wahrheit' wird nicht nur auf den Seiten
wissenschaftlicher Publikationsorgane, sondern vor allem auch im Rahmen von
Weltklimakonferenzen und Intergovernmental Panels on Climatic Change
ausgetragen. Er droht zu einem zentralen Thema der außenpolitischen Auseinandersetzung
zwischen Regierungen und Staatengemeinschaften zu werden.
Da die Frage
des Wandels zwangsläufig eine zeitliche Dimension in sich birgt und sich für
die Identifikation möglicher anthropogener Ursachen des Klimawandels der
Vergleich mit Klimaveränderungen in der Vergangenheit anbietet, nimmt auch das
öffentliche Interesse an der Klimageschichte zu. Diese hat, nicht zuletzt
aufgrund der mit dem öffentlichen Interesse einhergehenden Förderung, in den
letzten Jahren beeindruckende Fortschritte gemacht. Umfangreiche Datenbanken
mit Informationen über vergangene Witterungsereignisse werden angelegt,
mittlerweile stehen zahlreiche lange Datenreihen zu Temperaturverlauf und
Niederschlagsgeschehen sowie Karten, die die Positionen von Hoch- und Tiefdruckgebieten
in jahreszeitlicher Auflösung während des letzten halben Jahrtausends
darstellen, zur Verfügung.
Klimahistoriker
bewegen sich im Grenzbereich zwischen Natur- und Sozialwissenschaften. Diese
Transdisziplinarität ist eine ihrer Stärken, sie wirft aber aufgrund der
unterschiedlichen Paradigmen auch vielfältige Probleme auf. Will die
Klimageschichte nicht bloß Datenzuträger der Klimatologie für die Periode vor
dem Beginn instrumenteller Messungen sein, dann muss sie sich der Frage nach
den sozialen Dimensionen von Klimaänderungen stellen. Die
naturwissenschaftliche Orientierung birgt die Gefahr deterministischer
Argumentationsweisen bei der Behandlung der komplexen Beziehungen zwischen
Gesellschaft und natürlicher Umwelt in sich, daher scheuen viele Historiker und
Anthropologen davor zurück, diesen Beziehungen vermehrte Aufmerksamkeit zu
widmen. Das hat zu der paradoxen Situation geführt, dass, während der frühere
klimageschichtliche Determinismus oft unhaltbare Schlussfolgerungen auf der
Basis unzureichender empirischer Grundlagen zog, es heute an Forschungen
mangelt, die die nunmehr wesentlich breitere Datenbasis für die Untersuchung
möglicher gesellschaftlicher Konsequenzen von Klimawandel nützen würden.
Christian
Pfister, gegenwärtig der wichtigste Vertreter der klimahistorischen Forschung
im deutschsprachigen Raum, eröffnet diesen Band mit einem Beitrag zum state
of the art. Er resümiert den Stand der Forschungsdiskussion, erläutert die
Daten und Methoden, mit denen die Klimageschichte arbeitet, und stellt Ansätze
und Ergebnisse der historischen Klimawirkungsforschung vor. Ein von Rudolf
Brázdil angeführtes, interdisziplinäres Forscher/innenteam untersucht den
Verlauf der Hungerkrise in den böhmischen Ländern in den Jahren 1770-1772,
rekonstruiert deren meteorologische Ursachen und fragt nach den sozialen Folgen
dieser Katastrophe.
Erich
Landsteiner wirft die Frage nach den notwendigen Bedingungen eines
nicht-deterministischen Dialogs zwischen Historischer Klimatologie und Geschichtsschreibung
auf und lotet dessen Möglichkeiten anhand einer Analyse der wirtschaftlichen
und sozialen Folgen einer erhöhten Frequenz von Getreidemissernten im
mitteleuropäischen Raum im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts aus.
Im Forum
stellt Urs Dietrich die an der Universität Bern erstellte Datenbank EuroClimHist
zur Speicherung von historischen Klimadaten vor.
Weiters
enthält dieses Heft ein Gespräch mit Immanuel Wallerstein über die
Entstehungszusammenhänge der Weltsystemanalyse und deren Potenzial, Aussagen
über den gegenwärtigen Zustand und die nahe Zukunft der Weltwirtschaft zu
machen, sowie Besprechungen mehrerer rezenter Weltgeschichten des 20.
Jahrhunderts.
Erich
Landsteiner, Wien
Christian
Pfister: Climatic change and European history. The development and the
potential of Historical Climatology, pp. 7-43.
Historical Climatology draws from climatology and
(environmental) history. It aims at reconstructing climate and natural
disasters for the period preceding the creation of meteorological networks.
Moreover it investigates the impact of climate extremes on societies and it
points out to past debates on social representations of climate. Up to 1989 no
coherent methodology was available. Since then cooperation emerged in the
framework of EU research projects. As a result common approaches and standards
were developed. The article discusses the evidence and explains how long time
series of monthly and seasonal temperature and precipitation indices were
obtained from the data. Validation has revealed that such series are good
substitutes for instrumental measurements. Recently climatologists have
included this data into statistical models to construct charts of monthly surface
pressure, temperature and precipitation in Europe back to 1659. Less efforts
were made to investigate the effects of climatic variations and extremes on
societies. It is still not known how past societies perceived climatic extremes
and natural disasters and how they adapted to them. Undoubtedly climate
affected the use and availability of energy resources (food, fodder, fire-wood)
and the outbreak of climate sensitive epidemics. Which climatic constellations
mattered, needs to be assessed within the specific context. In any case the
vulnerability of the society needs to be taken into account. The mental, legal
and political setting affected the search for scapegoats in periods of crises.
It is demonstrated that extended witch-hunts took place in the late sixteenth
century because a part of society held the witches directly responsible for the
high frequency of climatic anomalies during this period.
Rudolf Brázdil, Hubert Valásek, Jürg Luterbacher,
Jarmila Macková: The hunger years 1770-1772 in the Czech lands: Course,
meteorological causes and impacts, pp. 44-78.
On the basis of visual daily
observations and written narrative sources the course of weather in the Czech
Lands in the period 1769-1772 is described with particular consideration of
disastrous poor harvests in the years 1770-1771 as a result of prevailing
outstanding rainy weather. Its synoptic-climatological causes are analysed
according to the reconstructed sea level pressure field in the months of
March-August. Poor harvests, together with other factors, caused high prices,
hunger and diseases. Impacts of poor harvests on the dramatic increase in grain
prices and population mortality are studied in the context of the rescue
measures of the Vienna Imperial Court. Changes in the diet habits and the role
of the hunger years as one of the impulses for the rise of the serf uprising in
the year 1775 are referred to.
Erich Landsteiner: Wretched times?
Searching for the social and economic dimensions of climatic change in the late
sixteenth century, pp. 79-116.
Given the manifold traps in the field,
this article explores the necessary conditions for a renewed dialog between social
history and the history of climatic change. It proposes to look at the last
third of the sixteenth century as a period undergoing a climatic ,mode shift'
and analyses the social and economic impacts of the rapid change in climatic
conditions. Focusing on the early 1570s, when Central Europe underwent a series
of severe cereal crop failures, the effects of dearth on prices, mortality, the
grain trade, social relations of production in agriculture, and the overall
economy are discussed.
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